Mein Name ist Sabine Kettenmann, ich bin 61 Jahre alt, verheiratet, Mutter von 2 Söhnen und Oma von zwei Enkeln. Meinen Sohn Fabian habe ich vor 6 Jahren verloren.
 

 

Mein Name ist Nicole Hans, ich bin 47 Jahre alt und verheiratet. Ich habe meinen Vater im November 2024 verloren. 

 

Wir haben die Selbsthilfegruppe ins Leben gerufen, um andere Trauernde zu unterstützen und ggf. unsere persönlichen Erfahrungen weiterzugeben. 
Es ist für uns beide eine Herzensangelegenheit für Sie und Ihre Trauer da zu sein und einen Ort zu schaffen, an dem alles sein darf - Schmerz, Erinnerung, Trauer, Wut, aber auch Hoffnung.

AGUS Entstehungsgeschichte erzählt von Elfi Loser:

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Teilnehmer.
Vielen Dank, für die Möglichkeit, dass ich Ihnen heute
über die Entstehungsgeschichte der AGUS
(Angehörigen Gruppe um Suizid) berichten darf.
Ich möchte Sie nun dazu einladen, mit mir eine kleine
Reise in die Vergangenheit zu unternehmen.
Wenn ich Ihnen heute über die Entstehungsgeschichte
von AGUS berichte, kommt man um eine Person nicht
herum „Emmy Meixner-Wülker“, die Gründerin der
Initiative und ich möchte Ihnen natürlich auch einiges
aus Ihrem Leben berichten.
1963 nahm sich ihr Mann Dr. Reinhard Wülker, ein
HNO Arzt, aufgrund einer Depression das Leben. Sie
stand da, alleine mit zwei kleinen Kindern im Alter von
5 und 10 Jahren und musste sich bei der Trauerfeier
anhören: „Wer so etwas tut, den hat der Teufel am
Kragen“.
Trauer, Schuldgefühle und gleichzeitig die alleinige
Verantwortung für ihre beiden Kinder rissen sie hin und
her. Es gab keine Ansprechpartner und damals sprach
man ja noch von Selbstmord, was ein noch viel
größeres Tabu als heute war.
Von einer Tante bekam Sie als Trost eine Karte auf der
stand:
„Was Gott Dir schickt ist wohlgemeint, das nimm
getrost entgegen, nichts stets ist schlimm was
schlimm erscheint, das Schlimmste oft ein Segen“ (die
Karte hing eingerahmt in ihrem Arbeitszimmer).
Doch Emmy Meixner-Wülker zählte nicht zu den
Menschen, die dieses Schicksal als von Gott gewollt
hinnahm. Sie stelle sich immer wieder die Frage: „Wie
geht es anderen Betroffenen?, welche Erfahrungen
haben sie gemacht? Kann man ein
Gemeinschaftsgefühl herstellen? Nach all den Jahren
des Ringens ist sie an die Öffentlichkeit gegangen. Man
glaubte ihr Anfangs nicht, dass es ihr gelingen würde,
an andere Betroffene heranzukommen. Das war eine
der Hürden, denn über so einen Tod spricht man nicht
öffentlich. Sie schaffte es dennoch durch Überzeugung
und vor allem durch ihre Hartnäckigkeit, Theologen und
Ärzte als Mitstreiter zu gewinnen. Und wenn ich von
Hartnäckigkeit spreche, dann ist es nicht übertrieben.
Sie war niemand der sich so einfach abwimmeln ließ.
Einer der ersten Unterstützer war Prof. Felix Böcker,
der damals der Leiter des BKH in Bayreuth war und
natürlich Prof. Wolfersdorf.
Der erste Artikel stand 1991 in der Bayreuther Zeitung
„Selbsttötung ist noch immer ein Tabu“- Bayreutherin
gründet Angehörigengruppe um Suizid- Theologen und
Ärzte sichern Starthilfe zu. Sie erzählte: aus der
Anonymität herauszutreten und an die Öffentlichkeit zu
gehen war, als hätte sich erst jetzt mein Mann das
Leben genommen. Sie ist durch die Straßen geschlichen
und hatte Zweifel, ob es richtig war, ob sie sich nicht
durch ihr Outing selbst in eine öffentliche
Stigmatisierung hineinmanövriert hatte. Kurz nach
Erscheinen des Artikels meldeten sich die ersten
betroffenen Hinterbliebenen am Telefon. Der Lohn für
Mut und Angst blieb nicht aus. Auf ein solches Thema,
dass noch keine Beachtung in der Öffentlichkeit
gefunden hatte, reagierten bald bundesweit Presse und
Fernsehen. Das Telefon klingelte zu jeder Tageszeit
und EMW war immer ansprechbar. Ich war damals
häufig bei ihr zuhause, da alle Aktivitäten rund um
AGUS in ihren Privaträumen stattfanden. So wurde ich
schon sehr früh zu einer ihrer engsten Vertrauten und
Mitstreiterinnen.
Auch ihr 2. Ehemann Dr. Rudolf Meixner durchlebte
den AGUS Alltag mit allen Höhen und Tiefen. Zuerst
zeigte er sich wie alle Anderen um sie herum sehr
skeptisch, zuweilen misstrauisch und kritisch, was da
noch auf sie zukommen könnte und natürlich auch aus
der Sicht, ob das denn alles auch Aussicht auf Erfolg
hatte. Aber er trug ihre Initiative mit und half ihr wo er
nur konnte. Er nahm auch alle Anrufe entgegen, wenn
seine Frau nicht zuhause war und er murrte nie, wenn
das Essen mal wieder angebrannt war, weil sie nicht
vom Telefon weg kam. Wir okkupierten geradezu
wochenlang das Wohnzimmer um die ersten
Rundbriefe einzutüten. Damals waren es auch noch
„Briefe“, die sie auf ihrer Schreibmaschine verfasst hat.
Zudem hat sie in all den Jahren auch alles aus eigener
Tasche finanziert. Auch die ersten Vorstandssitzungen
fanden bei ihr zuhause statt.
Auf die Frage: hat sich die viele Arbeit, das immer neue
Aufreißen auch ihrer eigenen Wunde gelohnt? Ja, sagte
sie, es sei ihr unfreiwilliges Lebenswerk geworden,
denn der Suizid ihres Mannes ließ sie zeitlebens nicht in
Ruhe.
Der Aufbau der AGUS Organisation als Einzelkämpferin
war für sie nicht ohne Auswirkung geblieben. Die
belastende Arbeit hatte an ihren Kräften und an ihrer
Gesundheit gezehrt. Zumal sie erst jenseits der
Pensionsgrenze mit dem AGUS Aufbau begonnen hatte.
Allein die Vor-und Nachbearbeitung der
Medienauftritte, die dazugehörigen Reisen, das
Gewinnen der geeigneten Betroffenen für die
Sendungen, forderte sie bis an ihre Grenzen. Sie war als
Gründerin im Fernsehen bei Schreinemakers, Fliege,
Ilona Christen, um nur einige zu nennen und im
Hörfunk und stand für unzählige Presseberichte stets
zur Verfügung. Sie leitete die AGUS Gruppe in Bayreuth
alleine, die Öffentlichkeitsarbeit und der Telefondienst
liefen nebenher, auch am Wochenende. Es war im
Grunde ein Bereitschaftsdienst rund um die Uhr. Für
die große und aufopferungsvolle Aufbauarbeit der
AGUS erhielt Frau Emmy Meixner-Wülker bedeutsame
Auszeichnungen. Sie war Trägerin des Bayerischen
Verdienstordens und des Bundesverdienstkreuzes am
Bande.
Im Jahr 2000 gab Frau Meixner-Wülker die Arbeit an
die neue Geschäftsführerin Elisabeth Brockmann ab
und AGUS hatte nun ein eigenes Büro.
Drei Jahrzehnte sind seitdem vergangen. Das ist eine
lange Zeit. Vieles hat sich verändert. Die Gesellschaft
geht heute anders mit der Todesart Suizid um, es gibt
weniger Tabus. Es gibt mehr Verständnis für
psychosoziale Krisen und Erkrankungen, mehr
Hilfsangebote und weniger Ängste, sie auch
anzunehmen. Die Angebote für trauernde Menschen
sind um ein vielfaches gewachsen.
- Die Unterstützung speziell für Suizidtrauernde
durch AGUS e.V. hat sich bundesweit mit über 80
Selbsthilfegruppen etabliert.
- Für Betroffene die keine Gruppe in der Nähe
haben, wurde auf unserer Homepage ein Forum
eingerichtet.
- Über 120 ehrenamtliche Gruppenleiter, leisten vor
Ort großartige Arbeit. Sie sind das Herz unseres
Vereins. An dieser Stelle herzlichen Dank, es sind
einige auch heute dabei.
- Als Ergänzung zu den Selbsthilfegruppen gibt es
seit 2002 überregionale AGUS-
Wochenendseminare für Suizidhinterbliebene unter
der Leitung von erfahrenen Trauerbegleiterinnen.
In ganz Europa gibt es keine vergleichbare
Seminarreihe. Chris Paul hat das Konzept dafür
erarbeitet und mit Kolleginnen weiterentwickelt.
Heute bietet ein Team von acht
Trauerbegleiterinnen die Vertrauen-wagen-
Trauerseminare für verschiedene Zielgruppen an.
- Inzwischen haben wir unsere AGUS-Schriftenreihe
auf über 20 themenbezogene Broschüren
erweitert und weitere sind in Planung
- AGUS hat einen Adressverteiler von 5000 aktiven
Interessenten und ca 900 Kontakte pro Jahr mit
Betroffenen.

- Für die Jahrestagung zeigt sich ein stetiges
Wachstum. 2019 waren es 250 Teilnehmer.
- Die AGUS-Wanderausstellung ist das ganze Jahr
über unterwegs und war 2019 in 12 Städten zu
sehen. Zuletzt im Klinikum Naumburg. Für dieses
Jahr sind die ersten vorsichtigen Planungen im
August und September in Gera und Greifswald.
Aufgrund der großen Nachfrage haben wir die
Ausstellung inzwischen in 3-facher Ausfertigung
vorliegen und können dadurch gut auf
Terminüberschneidungen eingehen.
Die große Frage nach dem WARUM? Ist heute nicht
weniger drängend und verzweifelt als vor 30 Jahren. Es
gibt nach wie vor keine allgemeingültige Antwort.
Betroffene die heute an einer Selbsthilfegruppe
teilnehmen, sind viel aufgeklärter und selbstbewusster
geworden, als noch vor 20-25 Jahren. Sie wissen viel
mehr über psychische Erkrankungen, sind
aufgeschlossener für professionelle, therapeutische
Unterstützung und kommen oft direkt auf Empfehlung
ihres Therapeuten in die Selbsthilfegruppen.
- Der erste Kontakt mit AGUS ist oft nur wenige Tage
nach dem Todesfall, oftmals sogar gleich am
nächsten Tag. Ich denke hier ist auch die Arbeit
von all den ehrenamtlichen Ersthelfern, wie
Notfallseelsorger und den Krisenteams lobend zu
erwähnen.
Mit Stolz können wir heute auf unsere Arbeit
zurückblicken, die mit der Gründerin Emmy Meixner-
Wülker begonnen hat, mit viel Engagement von
Elisabeth Brockmann weitergeführt wurde und an die
nächste jüngere Generation mit Jörg Schmidt
weitergegeben wurde. Heute wird die AGUS geleitet von Oliver Schürle und Christian Parchent.


Für AGUS wünsche ich mir eine entschlossene und
konsequente Strategie für die Zukunft, die mit dem
Elan der jungen Generation weitergetragen wird und
auf dem Fundament langjähriger Erfahrungen
weiterhin aufbauen und zurückgreifen kann.
Wir haben bisher viel erreicht, aber wir haben in
Zukunft auch noch viel vor!